28.09.2026 Rio São Lourenço: Schneckentempo, Muskelkraft und das nächtliche Bus-Drama

Wer im Pantanal mit einem straffen Zeitplan reist, hat schon verloren, bevor der Diesel überhaupt auf Temperatur ist.

Unser Tag beginnt nicht mit dem sanften Klingeln eines Weckers, sondern um vier Uhr morgens mit einem gewaltigen Ruck. Der gesamte Ponton scheppert und knarzt, Männerstimmen brüllen Kommandos durch die schwarze Tropennacht. Seit dem Vorabend lagen wir fest vertäut, doch jetzt beginnt die große Rangier-Akrobatik: Der mittlere Ponton wird zwischengeparkt, und unser Fahrzeugponton wird direkt an die Nase des Schubschiffs gedockt.

Als das erste fahle Morgenlicht über den Fluss schleicht, nehmen die Motoren wieder ihre Arbeit auf. Die offizielle Ansage lautete: Ankunft um 09:00 Uhr. Wir schauen auf das braune Wasser des Rio São Lourenço, spüren die zähe Strömung und sind uns alle einig: pures Wunschdenken. Wir machen kaum noch Fahrt gegen den Strom. Die vorsichtige Schätzung unserer Bord-Rechner wandert stündlich nach hinten. Elf Uhr? Zwölf Uhr? Schnell landen wir bei 15:00 Uhr.

 

Doch auch diese Hoffnung löst sich im heißen Dunst auf, als das Schiff plötzlich abdreht und die Nase wieder ins Ufer rammt: Porto Zé Viana. Ein paar verwitterte Wände, ein Traktor und Säcke, die verladen werden müssen. Ankunftszeit jetzt? Vermutlich stockdunkle Nacht.

Schlimm ist das nicht, im Gegenteil. Das gemächliche Tempo verwandelt das Pantanal in ein gigantisches Freiluftkino. Am Ufer staksen Jabirus durch die schwimmenden Wasserhyazinthen, Kaimane dösen träge mit aufgerissenem Maul im Schlamm, und an den Steilhängen sonnen sich perfekt getarnte Leguane. Für Zora bedeutet jeder Stopp das reinste Fest: Endlich wieder fester Boden unter den Pfoten und ausgiebige Schnüffelrunden am Wasser.

Das Thermometer hingegen bleibt stur und unbarmherzig bei 38 °C wie festgenagelt stehen. Die Luft steht, der Schatten unter den Aufbauten wird zum begehrtesten Gut des Tages, und der Wasserschlauch unseres MANle erweist sich wieder einmal als Lebensretter für Mensch und Tier. Zum Mittagessen versammelt sich die Truppe wie gewohnt. Über die Menüfolge hüllen wir an dieser Stelle den Mantel des Schweigens, jeder an Bord weiß inzwischen blind, was auf den Tisch kommt, zumal ein Abendessen heute wohl gänzlich ausfallen wird.

Ein Stück weiter flussaufwärts folgt der nächste Halt: Porto Fazenda Recreio. Hier wird die Pantanal-Logistik zur echten Zerreißprobe. Vier gestandene Kerle wuchten unter ohrenbetäubendem Fluchen schwere Fässer über eine schmale Holzplanke auf den betagten Holzhänger eines gelben Valmet-Traktors. Ein falscher Schritt, und das Fass geht baden. Während die Männer schwitzen, nutzt Zora die Gunst der Stunde: Sie stürzt sich in einen ruhigen Seitenarm, tollt im flachen Wasser herum und findet auf Anhieb zwei einheimische Vierbeiner, die genauso wasserverrückt sind wie sie.

Nachdem auch der mittlere Ponton endgültig abgehängt und für seinen Rückweg verzurrt ist, geht es mit etwas mehr Schwung weiter. Doch der Zeitverlust ist nicht mehr einzuholen. Wie erwartet sinkt die Glutsonne glutrot hinter die Baumwipfel, die Dämmerung schluckt die Farben, und als wir schließlich die Böschung von Porto Jofre ansteuern, ist es finstere Nacht.

Kaum haben die Eisenplatten das Ufer berührt, beginnt das Ausladen, und das Pantanal fordert noch einmal vollen Einsatz. Mario hat seinen Pickup im Handumdrehen unten. Doch dann kommt Kevin mit dem Schulbus. Heckantrieb, langer Radstand und fehlende Bodenfreiheit: Vor der flachen Rampe geht ihm schlicht die Puste aus. Kevin nimmt Schwung, schafft die Kante, sitzt aber prompt mit dem Bauch auf. Es folgt das volle Improvisationsprogramm: Bretter unterlegen, anheben, fluchen. Als der Bus die Rampe endlich bezwungen hat, gräbt er sich zwei Meter weiter gnadenlos tief in die sandige Uferböschung ein. Nichts geht mehr. Erst ein schwerer Lkw am dicken Bergegurt schafft es nach schweißtreibenden Minuten, den gestrandeten Riesen aus dem Schlammloch den Hang hinaufzuziehen.

Und der Rest? Thomas zieht mit dem Allrad-Sprinter völlig ungerührt nach. Und unser MANle zeigt, wie man es macht: Wenden auf dem schmalen Eisendeck ist ohnehin ein Ding der Unmöglichkeit, also geht es wie immer rückwärts von Bord. Doch statt unten im tiefen Sand der Böschung mühsam zu rangieren, spare ich mir das Gezirkel komplett. Rückwärtsgang rein, Blick in die Spiegel, und in einem einzigen, flüssigen Zug geht es die Rampe runter, die steile, sandige Uferböschung hinauf und durch die enge Zufahrtsrinne komplett rückwärts bis ganz nach oben auf die Piste. Erst dort oben wird der Dicke gewendet. Allrad, Untersetzung und ordentlich Drehmoment, so sieht das aus, wenn Technik und Gelassenheit zusammenpassen.

Oben auf der Wiese schlagen wir unser Nachtlager auf. Zora kennt kein Halten mehr: Nach den Tagen auf dem Eisenboden flitzt sie wie eine Furie über das weite Gras, sucht jeden Busch ab und rennt sich den ganzen aufgestauten Bewegungsdrang der letzten Tage mit wehenden Ohren aus dem Leib.

Wir sitzen noch eine Weile zusammen im Schein der Lampen, atmen durch und lassen das wilde Flussabenteuer Revue passieren. Eine Stunde läuft die Klimaanlage im MANle, um die Gluthitze des Tages aus den Wänden zu drücken. Dann fallen die Augen zu. Morgen früh um 07:00 Uhr holt uns der Guide mit dem Boot direkt hier ab. Die Jagd nach den Jaguaren kann beginnen.

Wieder ist es Chefredakteurin Nayru, die dem Text den nötigen Feinschliff gibt.

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